Philosophie - Leitgedanken zur Freimaurerei
1. Allgemein
Die Freimaurer der Großloge der Alten Freien und Angenommenen
Maurer von Deutschland bekennen sich zu den auf Würde, Freiheit
und Selbstbestimmung des Menschen ausgerichteten Traditionen
ihres Bundes. Dieses Erbe zu bewahren und es angesichts der
Herausforderungen der Gegenwart in Denken und Handeln neu zu
bestimmen, ist wichtigster Inhalt freimaurerischer Arbeit. Damit
zieht die Großloge A.F.u.A.M. von Deutschland zugleich die
Konsequenz aus der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts,
aus der sie hervorgegangen ist. Im Bewusstsein eigener Identität
wirkt sie mit anderen Großlogen im Rahmen der "Vereinigten
Großlogen von Deutschland" zusammen und fühlt sich als
Bestandteil einer weltumspannenden Gemeinschaft.
Die Großloge A.F.u.A.M. von Deutschland öffnet sich kontroversen Ideen und lässt Mitglieder jeder gesellschaftlichen Herkunft zu. Auf der Basis der von ihr vertretenen Überzeugungen vereint sie geistig und menschlich aufgeschlossenen Männer unterschiedlicher weltanschaulicher, religiöser und politischer Überzeugungen und erfüllt so den Auftrag der "Alten Pflichten", Menschen in brüderlicher Eintracht zu verbinden, die sich sonst fremd geblieben wären. Worauf Freimaurer auch immer ihre Überzeugung zurückführen, entscheidend allein ist, wie sich ihr Bekenntnis zum Menschen im Leben bewährt.
2. Das Wesen des
Freimaurerbundes
Das Wesen des Freimaurerbundes besteht in der Einheit von
leitender Idee, tragender brüderlicher Gemeinschaft und
vertiefendem symbolischem Erlebnis. Als Glieder eines ethischen
Bundes treten die Freimaurer für Menschlichkeit, Brüderlichkeit,
Toleranz, Friedensliebe und soziale Gerechtigkeit ein. Als
Gemeinschaft brüderlich verbundener Menschen ist die Loge
Übungsstätte dieser Werte. Als Symbolbund dient die Freimaurerei
der Verinnerlichung von Idee und Gemeinschaft. Hierin liegt ihre
Besonderheit gegenüber allen anderen Zusammenschlüssen mit
veralteten Zielen.
Wie immer man die alte und stets neue Frage: Was ist Freimaurerei beantwortet, wichtig ist den Freimaurerbund als Einheit von Idee, Gemeinschaft und symbolischem Ausdruck zu begreifen. Diese Vielgestaltigkeit des Bundes erlaubt den menschlichen Neigungen unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten. So mag der eine mehr von lebendiger geistiger Auseinandersetzung angezogen werden, der andere in der menschlichen Gemeinsamkeit der Loge das Wesentliche sehen, und der dritte schließlich in Symbol und Brauchtum das Zentrum des Bundes erleben. Erfüllte Freimaurerei verwirklicht sich allerdings nur im Zusammenspiel aller ihrer Elemente.
3. Die geistige Arbeit
Freimaurer wissen, daß die Werte, zu denen sie sich
bekennen, immer wieder lebendig gemacht, angesichts vorhandener
Gefährdung präzisiert und in stets neuem Bemühen verwirklicht
werden müssen. Der Freimaurerbund verzichtet darauf, politische
Programme zu formulieren und nimmt nicht teil an
parteipolitischen Auseinandersetzungen. Logen sollen vielmehr
Stätten sein, an denen durch Information und gemeinsames
Nachdenken verantwortliches persönliches Handeln vorbereitet
wird. Ihre unverändert wichtige aufklärerische Aufgabe erfüllen
die Freimaurer der Großloge A.F.u.A.M. von Deutschland durch
Überwinden von Vorurteilen, durch Entwickeln von Sensibilität
für Zeitprobleme und durch Bemühen um gemeinsame Wahrheitssuche.
Freimaurer sind sich bewusst, dass sinnvolles Leben einzelner Menschen wie gesellschaftlicher Gruppen zweierlei erfordert: Bescheidwissen über die Welt, in der man lebt, und den Besitz von Überzeugungen, die das Handeln leiten. Die Logen sollen durch Information und gemeinsames Nachdenken Orientierungshilfen geben. Das Reflektieren der Wirklichkeit im Lichte von Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz, Friedensliebe und sozialer Gerechtigkeit kann zugleich Entscheidungsmaßstäbe vermitteln.
Freimaurer wissen zwar nicht,
wie eine menschliche Welt im einzelnen auszusehen hat, denn sie
verzichten darauf, gesellschaftlich-politische Utopien zu
formulieren. Die Begriffe von Menschlichkeit und Toleranz geben
ihnen jedoch die Möglichkeit, Bedrohungen aufzudecken und
verantwortlich zu handeln.
4. Die Loge
Grundlage freimaurerischen Wirkens ist die Loge. Sie ist
Zentrum geistiger Arbeit, Stätte der Begegnung und Ort ernster
Besinnung. Für den Erfolg ihrer Arbeit ist offenes, ehrliches
und hilfsbereites Miteinander Voraussetzung. Zum Zeichen engster
Verbundenheit und Vertrautheit nennen sich die Freimaurer
untereinander "Brüder". Am geselligen Leben der Loge nehmen auch
die Frauen der Mitglieder und ihre Familien teil. Trotzdem ist
die Freimaurerei aus Tradition ein Männerbund. Sie sieht hierin
keinen Widerspruch zur Gleichberechtigung von Mann und Frau,
hält vielmehr Vereinigungen, die nur Männer (oder nur Frauen)
umfassen, für ebenso
legitime wie sinnvolle Formen menschlicher Gemeinschaft.
Das Einüben des Zusammenlebens
aller Brüder in der Loge erfordert Aufeinanderzugehen in allen
Lebenssituationen, Verständnis der Charaktereigenschaften des
anderen und Hilfsbereitschaft in Not. Freimaurerische Toleranz
bedeutet nicht desinteressiertes Geltenlassen anderer
Auffassungen, sondern die Bereitschaft, die Überzeugung des
Partners - oder sogar Gegners - in ehrlicher Auseinandersetzung
zu respektieren. All dem stehen oft egoistische Verhaltensweisen
und andere menschliche Unzulänglichkeiten im Wege. Deren
Überwindung durch Gespräch, Anleitung und Vorbild ist
fortdauernder Gegenstand freimaurerischer Arbeit.
5. Das Brauchtum
Der Freimaurerbund besitzt ein überliefertes Brauchtum, dessen
Ursprung die mittelalterlichen Bauhütten sind. Die rituellen
Arbeiten dienen
* der Einfügung neuer
Mitglieder in die Gemeinschaft,
* der Vertiefung menschlicher Bindungen innerhalb der
Bruderschaft,
* der Besinnung auf die moralischen Normen des Freimaurerbundes,
* der Sammlung und Erbauung des einzelnen Bruders.
Die freimaurerischen
Hauptsymbole sind das Buch des Heiligen Gesetzes, das Winkelmaß
und der Zirkel. Sie erinnern an die ethischen Verpflichtungen
des Menschen, seine Verbundenheit mit seinen Mitmenschen und
seinen Bezug zur Transzendenz. Die Freimaurerei verzichtet auf
jede inhaltliche Festlegung religiöser Symbole. Sie überlässt
dies der persönlichen Überzeugung des
einzelnen Bruders.
Obwohl die Zusammenkünfte der
Freimaurer keineswegs immer in Formen des Brauchtums ablaufen,
spielen die einem vorgegebenen Ritual folgenden Tempelarbeiten
eine zentrale Rolle. Dabei ist es müßig, darüber zu
streiten, ob die rituelle Arbeit Zweck oder Mittel des Bundes
ist, ob die Gemeinschaft das Ritualerlebnis erst ermöglicht,
oder ob umgekehrt das Brauchtum primär der Definition der
Gemeinschaft dient. Unbestritten ist,
dass sich alle freimaurerischen Aktivitäten um die
Zusammenkünfte in der Bauhütte, auch "Tempelarbeiten" genannt,
als Kern entfalten. Es ist zu vermuten, dass die Lebenskraft des
Freimaurerbundes nicht zuletzt auf seinem im wesentlichen seit
Jahrhunderten unveränderten Schatz an Formen und Symbolen
beruht.
Der Freimaurerbund geht von der
elementaren Erfahrung aus, dass seelische Vorgänge für ihre
dauernde Wirksamkeit eines sinnlichen Ausdrucks bedürfen.
Hierzu bedient sich die Freimaurerei einer Vielzahl von Symbolen
und symbolischen Handlungen, die zwar - oft nahe liegende –
Ausdeutungen erfahren, jedoch nicht verbindlich ausgelegt
werden. So wird etwa das "Buch
des Heiligen Gesetzes" in aller Regel durch die Bibel
dargestellt. Diese muss hier jedoch weder als Ausdruck
göttlicher Offenbarung, noch als Aufzeichnung menschlicher
Geschichte angesehen werden, sondern kann allein als Symbol für
die Gesamtheit sittlicher Normen und Werte aufgefasst werden.
Mit ihrem rituellen Gebäude schafft die Freimaurerei Räume der Ruhe und Kontemplation, die gerade der Mensch unserer Zeit oft entbehren muss. Dabei ist hervorzuheben, dass die freimaurerische Tempelarbeit die emotionale und rationale Seite des Menschen in gleicher Weise ansprechen kann. Handlungen, Worte und nicht zuletzt Musik bilden eine ausgewogene Einheit.
6. Weltanschauung, Religion
Freimaurerei ist weder Religion noch Kirche. Sie will vielmehr
Menschen der verschiedensten Weltanschauungen und religiösen
Überzeugungen im Bewusstsein verbindender Werte auf der
Grundlage einer gemeinsamen Symbolsprache zusammenschließen. Die
Zugehörigkeit zu einer Konfessionsgemeinschaft hindert die
Mitgliedschaft im Freimaurerbund nicht.
Das freimaurerische Ritual
vermittelt Erfahrungen, die über das Alltagsleben hinausgehen.
Dennoch ist seine Wirkung rein psychisch und nicht übersinnlich
oder gar magisch zu erklären. Die Freimaurerei beruht auf einer
religiösen Grundlage, insofern sie der Stellung des Menschen in
der Welt und seiner Beziehung zur Transzendenz in ihrem
Brauchtum sinnlichen Ausdruck gibt. Dennoch ist die Freimaurerei
keine Religionsgemeinschaft. Sie kennt keine Dogmen und lässt
jeder individuellen Überzeugung Raum. Der konfessionell
gebundene Freimaurer erfährt in der Loge keine Verachtung seines
Glaubens, und die enge Begegnung mit
Andersdenkenden braucht ihn nicht zu verunsichern. Eben um dies
sicherzustellen, sind Diskussionen über konfessionelle Fragen im
Freimaurerbund nicht gestattet.
Freimaurerei und Kirchen
handeln beide von immateriellen Werten. Gleichwohl befindet sich
der Freimaurerbund nicht in einer Konkurrenzsituation zu den
Kirchen. Auf der anderen Seite ist zuzugeben, dass kirchenferne
Männer in den Freimaurerlogen ihr kultisches Bedürfnis erfüllt
sehen können. Die von
der Großloge A.F.u.A.M. von Deutschland vertretene Freimaurerei
enthält sich jeder Jenseitsorientierung und bezieht sich nur auf
das diesseitige menschliche Handeln.
7. Das Geheimnis
Die Freimaurerei ist kein Geheimbund. Geschichte, Wesen, Ziele,
Satzung und Namen der Vorstände von Großloge und Logen sind
öffentlich zugänglich.
Selbst die Rituale sind oft publiziert worden. Trotzdem halten
die Freimaurer an der Verschwiegenheit über die Einzelheiten
ihres Brauchtums fest. Dieses Schweigen schützt das Erlebnis und
stiftet Vertrauen.
Die Stellung der Freimaurerei
in der Gesellschaft von heute erfordert einerseits von Loge und
Großloge eine die eigene freimaurerische Identität vermittelnde
Öffentlichkeitsarbeit. Eine solche positive
Öffentlichkeitsarbeit hat hauptsächlich drei Aufgaben:
- Abbau von Vorurteilen und Verbesserung des Informationsstandes
der profanen Umwelt;
- Herstellen einer fruchtbaren, Logen und Großloge geistig und
sozial belebenden Kommunikation mit Außenstehenden;
- Anknüpfen von Beziehungen zu Männern, die für die Logen als Suchende in Frage kommen.
Andererseits wird jedoch auch
heute noch abgelehnt, das freimaurerische Brauchtum und interne
Vorgänge des Bundes zu verbreiten. Hiermit wird zu oft ein
Enthüllungseffekt angestrebt, der nicht lange halten kann. Die
Öffentlichkeit akzeptiert sehr wohl das Vorhandensein
prinzipiell unzugänglicher Bereiche. Durch deren Preisgabe würde
sich die Freimaurerei nicht nur eines wesentlichen Elements
ihrer Wirksamkeit nach außen
berauben. Sie würde vor sich selbst unglaubwürdig und gefährdete
das auf Schweigen und Vertrauen beruhende innere Band.